
Jaaaaa, liebe deutsche Mitbürger außerhalb von Nordrhein-Westfalen: So geht das! So macht man das! Wenn das bevölkerungsgrößte und wichtigste Bundesland der Republik wählt, dann bleibt fast kein Stein mehr auf dem anderen. Ihr wisst doch, was die Medien sagen – eine vorgezogene Bundestagswahl ist das! Da seid ihr anderen alle so klein mit Hut gegen (hab jetzt keine Lust gehabt, meinen Daumen und meinen Zeigefinger zu fotografieren und hier als Bild einzufügen, um den Unterschied bildlich zu demonstrieren), denn wer bitteschön interessiert sich schon ernsthaft dafür, wer in Pusemuckelländern wie Me… ach!… lassen wir das lieber, denn sonst gibt es wieder Proteste von Minderheiten und sowas muss ja nicht auch noch sein, wo schon Salafisten und Nationalisten derzeit so putzig gegeneinander kämpfen. Auch das gibt es aber übrigens nur bei uns in NRW! Und damit sind wir wieder zurück beim eigentlichen Thema: Wenn wir tollen Bürger von NRW erstmal wählen und damit zu “NRWählern” werden (Haha! Welch geiles Wortspiel!), dann geht es so richtig ab. Dann zeigen wir euch, was eine Hake respektive eine Grubenhacke ist! Wir trauen uns wenigstens noch was. Auch ohne umstrittenen Kopfbahnhof. Bei uns können die Menschen mehrheitlich wenigstens noch klar denken und sind bodenständig genug, nicht nur den ganzen Bund am Kacken zu halten (´tschuldigung für den vulgären Ausdruck!), sondern auch vernünftig zu wählen. Da verwundert es nicht, wenn die alles überstrahlende Landesmutter Hannelore “ich-bin-die-Sympathie-in-Person” Kraft haushoch gegen ihren “Gegner” Norbert “ich-fahr-mit-dem-Fahrrad-zur-Sitzung” Röttgen gewinnt. Da verwundert es nicht, wenn die Linken aus dem Landtag fliegen. Da verwundert es nicht, wenn die Piraten nicht genug Stimmen bekommen, um wichtige Koalitionen verhindern zu können. Da wundert es nicht, dass die FDP mit Christian Lindner der “heute-show” zuliebe im Landtag verbleiben darf. Und da wundert es erst recht nicht, wenn der Chef-Autor des “heute-show”-Fanblogs, der als einziges Mitglied seiner Autorenschaft aus NRW stammt, sein Herkunftsland mal in den höchsten Tönen loben muss und stolz auf selbiges sein kann.
Das einzige, was im Nachhinein verwundert, ist, dass die extravagante Art der Wahlkampfführung zu solch klaren Ergebnissen führen konnte. Insbesondere die Wahlplakate dominierten das Kuriositätenkabinett im Nordrhein-Westfalen der letzten Wochen. Glauben Sie nicht, weil sie nicht aus NRW sind, weil Sie keiner von uns sind, keiner von dem Völkchen zwischen Rhein und Ruhr, welches seit gestern erhobenen Hauptes durch seine eigenen, aber auch durch alle restlichen Ländereien der BRD stolzieren darf? Na, dann passen Sie mal auf! Nicht umsonst habe ich keine Kosten und Mühen gescheut, extra für euch Underdogs möglichst viele besondere Beobachtungen bei allen großen Parteien zusammenzustellen:
CDU
Wenn die Wahlplakate schon nix sind, kann auch das Wahlergebnis nix werden. Um das zu wissen, muss man nicht unbedingt Röttgen heißen, denn der weiß es ja anscheinend sowieso nicht. Ließ sich mit einem armen Kind auf einem riesigen Plakat ablichten, schaute es technokratisch an und wurde vom wenig einfallsreichen Randschriftzug “NRW – Norbert Röttgen Wählen” begleitet. Was stand eigentlich noch als große Themenünberschrift auf seinen Plakaten? Hm… keine Ahnung. Schon wieder vergessen. Oder gar nicht erst richtig hingeschaut. Ärgerte man sich ja auch immer nur, wenn man das arme Kind da neben dem Drahtesel in Person sitzen sehen musste. Ja, Drahtesel passt: Zusammengeflochten aus biegsamem Material, graues Fell, sagt nur IA, keiner versteht ihn und in Wahrheit will er nur wieder zurück in den sicheren Stall – nach Berlin. Sagen Sie mal (auch wenn Sie nicht aus NRW kommen): Wie doof kann ein Politiker eigentlich nur sein, he?! Wenn ich einen Posten doch eigentlich gar nicht richtig will, Spitzenpolitiker und Bundesminister in Berlin bin und im Grunde auch dort bleiben möchte – ja, wieso stelle ich mich dann überhaupt zur Wahl?! Das kann doch sowieso nicht klappen und ich muss mich nur unnötigen Blamagen aussetzen! Wird Norbi jetzt verröttgen? In der Asse? Oder in Muttis Schwitzkasten? Keiner weiß es. Aber ehrlich gesagt: Es interessiert ja auch keinen. Wahlergebnis für die Partei des Biking-Kings? 26,3 Prozent. Das schwächste Ergebnis seit es die CDU in NRW gibt. Und das ist im Übrigen schon viel zu lange der Fall. Eigentlich sind diese 26,3 sogar immer noch viel zu viel für einen – ja, man möchte fast schon sagen – Berliner Verräter. Wer konnte denn nur so dumm sein, ihm und seiner Partei überhaupt noch seine Stimme zu geben? Gibt es etwa doch ein paar Menschen in NRW, die nicht zurechnungsfähig sind? Nein, das waren wohl verkleidete und gesponserte Saarländer, die da ihre Kreuze gemacht haben…! Müssen ja schließlich auch mal ´n bisschen was dazuverdienen, diese armen kleinen Halbfranzosen mit der Ministerpräsidentin, die sich – im Gegensatz zu unserer – zu fein war, einen Künstlernamen anzulegen und deshalb immer noch mit ihrem sperrigen Doppelnamen durch den Saarbrücker Landtag geistert.
SPD
Sie ist die Heilsbringerin, die Lichtgestalt, die Kümmererin, die Landesmutter, die personifizierte Sympathie, die menschgewordene Sonne der SPD, neben Joachim Gauck die beliebteste Politikerin im Lande (Ach nee, Moment, der Bundespräsident ist ja gar keine Politikerin und schon gar kein Politiker, sondern unser Ersatzkaiser!) – unsere über die Maßen geliebte Hannlore Kraft, geb. Külzhammer! Wer laut Wahlplakaten “NRW im Herzen” hat, kann kein schlechter Mensch sein, muss einer von uns sein. Das spürt der NRWähler sofort. Wenn sie dieses nette Lächeln aufsetzt und den Menschen auf den Straßen persönlich die Hände drückt, ja dann erwartet ein jeder, von seiner lieben Landesmama sofort ein Paket Butterbrote in die Hand gedrückt und einen Sandfleck vom Fußballspielen mit Spucke aus dem Gesicht gewischt zu bekommen. Sie ist die Göttin unter den Müttern. Kein Wunder also, dass sie sich immer am Muttertag wählen lässt. Da stehen ihre Chancen besonders gut. Vor allem, wenn der direkte politische Widersacher gerade vom Sattel gefallen ist. Die Herzenswärme der Hannelore verschmilzt gekonnt mit der Liebe zum eigenen Bundesland und der Heimatpartei, wenn man z.B. liest “SPD ist Currywurst”. Da verzeiht man der Mama auch jede Plakativität und stört sich nicht daran, wenn es syntaktisch lückenhaft heißt “Kommunen stärken! Gut für NRW!”. Geblendet von der KRAFT ist das Wahlergebnis klar und eigentlich sogar noch viel zu niedrig: 39,1 Prozent! Frau Kraft, die NRW-SPD und ihre Wähler – das ist traumhaft komponierte Musik aus einer fernen Polit-Galaxie. Unerreicht für andere Parteien in anderen Ländern. Und leider wohl auch für dieselbe Partei im Bund… Wer unserer Landesmutter da noch Kanzlerambitionen nachsagt, hat unser System und unsere Gefühle in NRW nicht verstanden.
Grüne
Wo eine Lehrerin Politik macht, muss es ja solide zugehen. Nichts Außergewöhnliches also, dass Sylvia Löhrmann es geschafft hat, das Wahlergebnis der letzten Landtagswahl in NRW von 2010 nahezu zu halten. 11,3 Prozent stehen hier nüchtern zu Buche. Dabei ist die Obergrüne bei uns eigentlich gar nicht so nüchtern. Wer mit der Strahlemama zusammen Ostereier verteilen kann, wenn man meint “Jede KRAFT braucht einen Antrieb!” und wenn man so unauffällig japanische Kimonos tragen kann, dass keiner merkt, dass es sich um japanische Kimonos handelt, dann zeigt das alles: Hier herrscht keine Nüchternheit, sondern nachbarschaftliche Eleganz. Löhrmann wirkt in der Tat wie die Nachbarsmutter der Familie Kraft, die mit ihrer Amtskollegin gerne mal in Sachen herzlicher Umarmunng herzlich über die Stränge schlägt. “Schön, wenn Frauen wieder den Haushalt machen!” hieß es da also nicht zu unrecht auf einigen grünen Wahlplakaten, auf denen dann auch noch beide Familienmütter Arm in Arm lächelnd nebeneinander stehen und wissen, was sie an ihrem Leben haben. Lässt Löhrmann sich mit dem Spruch “Nur das die Beste für unsere Kinder!” auf einer anderen Plakatversion an die Wände kleben, so ist das mütterliche Arroganz und zeigt, dass Mama Löhrmann sich für ihre Kinder keine andere Mutter als sich selbst wünschen würde – auch keine Mama Kraft. So toll die auch ist. Eines hat die Lehrerin der hoffnungsfarbenen Partei allerdings nicht: Ahnung von Umweltthemen. Wenn “Solar statt so lala” auf Plakaten steht, weiß der NRWähler, dass zwar Nachbarsjunge Norbi mehr von Umwelt versteht, aber das ganze Thema in NRW auch im Grunde genommen völlig uninteressant ist, wenn sogar die Umweltpartei sich nicht so richtig dafür ins Zeug legt. Umweltmäßig ist nach dem großen Industrie-, und Bergbauzeitalter hier sowieso alles gegessen. Da verteilt Mutterlehrerin Löhrmann lieber Ostereier. Und ob die nun grün oder rot sind – das ist in NRW eh egal. Hier ist man nunmal rot-grün-blind, bei der Begeisterung für diese Koalition.
FDP
Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lindner her! Und rettet die ganze Bundespartei vor dem sicheren Ableben gleich mit. Was ein Kubicki in Schleswig-Holstein kann, kann ein Christian Lindner in Nordrhein-Westfalen schon lange! Die verschiedensten Inhalte, garniert mit Aussagekraft, junger Eleganz und Eloquenz sowie Aufbruchsstimmung aus dem Grab der Untoten sorgen in ihrer Düsseldorfer Melange für langsam wiederkehrenden Erfolg. Es kann ein Lindner nicht nur flott und schneidig die Treppen des Bundeslandes hochspringen und gut aussehen, sondern auch die richtigen, ja sogar die inhaltlich gehaltvollsten Plakate aufhängen (lassen): “Schulen besser machen und nicht gleicher! Das Gymnasium darf nicht sterben!” (Bildung!) oder “Lieber neue Wahlen als neue Schulden!” (Finanzen!) oder “Besser viel bewegen, als im Stau ersticken! Mit NRW auf die Überholspur.” (Verkehr! & Gesamtlage!) oder…ach, es gibt kaum einen thematischen Block, den der smarte Christian nicht angegangen wäre. Aufgrund dessen, aufgrund seiner Erlöser-Funktion und aufgrund der Schwäche des Spitzenkandidaten des eigentlich gewünschten Koalitionspartners, die viele CDUler in ihre Arme getrieben hat, kam die FDP auf für sie sagenhafte 8,6 Prozent. Das hatte eben nichts mit besoffenen BVB-Fans zu tun, die in Dortmund und Umgebung am Sonntag nach dem gewonnenen Pokalfinale nicht wussten, was sie taten. Übrigens: Lindner, du bist der Kracher – nur leider in der falschen Partei!
Linke
Auf ins Jammertal, ab zu den Linken! Kann man mehr als 2,5 Prozent erwarten, wenn Oskar Lafontaine viel zu spät zu Wahlkampfveranstaltungen kommt, nur weil laut seinen örtlichen Parteigenossen die Autobahnen nicht frei wären und man sich ja als Linke keinen Hubschrauber leisten könne? Kann man mehr als 2,5 Prozent erwarten, wenn man auf Wahlplakaten “KITA für alle!” fordert, auch wenn viele Eltern ihre Kinder vielleicht gar nicht in eine Tagesstätte einlie… ähm…bringen wollen würden? Kann man mehr als 2,5 Prozent erwarten, wenn man auf wieder anderen Plakaten fordert “Löhne rauf – ihr seid es wert!” und keiner weiß, in welcher semantischen Relation da was wozu steht und ein paar Meter weiter Straßenmusiker den Radetzky-Marsch spielen? Kann man mehr als 2,5 Prozent erwarten, wenn man gerade im westlichsten aller Bundesländer verstärkt, und aufgrund des Verhaltens einiger bundesparteilicher Köpfe auch nicht ganz zu Unrecht, immer noch unter dem Vorwurf der Kommunismusverherrlichung steht? Kann man mehr als 2,5 Prozent erwarten, wenn die SPD einem mit Brot-und-Butter-Themen die Butter vom Brot nimmt, nur weil sie in NRW endlich mal wieder das macht, was sie auch überall sonst und im Bund machen sollte? Kann man mehr als 2,5 Prozent erwarten, wenn man so farblose Kandidaten hat, dass selbst Röttgen noch wie ein Paradiesvogel neben ihnen wirkt? Kurze und knackige Antwort auf all diese Fragen: Nein! Kann man nicht! Zumindest nicht in Nordrhein-Westfalen.
Piraten
Während die “Kollegen” von der FDP die gehaltvollsten Wahlplakate vorweisen konnten, waren es die trendigen Seeräuber, die die witzigsten, wortspielerischsten und auch plakativsten Exemplare aufgehangen haben. Wer keine wirklichen Inhalte außer seiner Netzpolitik hat, der braucht eben Kreativität. Hier die volle Drönung der Piraten-Offensive – ungekürzt (welch Wunder!) und unkommentiert – welche schon durch die einheitliche und kompakte Größe aller ihrer Wahlplakate angenehm hervorstach: “Für dieses System ist ein Update verfügbar”, “Lieber einen albernen Namen, als lächerliche Politik!”, “Wir halten uns an das Grundgesetz. Da sind wir konservativ.”, “Nicht käuflich. Nur wählbar.”, “DU bist systemrelevant!”, “Keine Bildung ist viel zu teuer!”. Punkt. Mehr muss man da nicht sagen. Das ist Satire genug, die keine Erklärungen mehr braucht und die Partei eines sich für Chili-Gewürz haltenden Landesvorsitzenden erstmals und irgendwie letztlich auch verdient in den NRW-Landtag gebracht hat. 7,8 Prozent sprechen da eine sarkastische Sprache. So kann der NRWähler eben auch sein! Ganz obendrein schaffte man es noch, den Grünen den Schneid trotz Säbelrasseln auf der Polit-Planke nicht abzukaufen, obwohl man selber gut aussah. Ahoi, NRW!
Nun, was führte wohl dazu, dass trotz dieser ganzen Querelen so ein eindeutiges Wahlergebnis zu Stande kommen konnte? Natürlich: Besagte Bondenständigkeit und besagtes klares Denkvermögen der Einwohner des besten Bundeslandes von Deutschland…ach, was sage ich…von der ganzen Welt!
Spätestens, wenn man neben der Wahlkabine, die natürlich zu eng ist, weil wir bei den ganzen Leuten in NRW nun mal nicht so viel Platz haben, einen Opa bei der Abgabe seines Stimmzettels sagen hört “Früa waa datt ja hier noch ganz andas. Da mussteße ja noch ´n Ausweis zeigen!”, dann weiß der NRWähler: Jawoll, datt kannze nich leuchnen, hier bisse zuhause, hier gehörße hin! Und das weiß unsere Landesmutter auch. Die KRAFT von Nordrhein-Westfalen liegt in der Seelenstärke unserer Bürger begründet!
So eine grandiose Wahl – ja, die muss uns erstmal jemand nachmachen…!
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